Der Seewolf

5. 12. 1971

1. Das seltsame Schiff
Am 18. Februar 1906 wird die Dampffähre "Martinez" in der Bucht von San Francisco von einem Schiff unbekannter Herkunft gerammt. Einer der Überlebenden ist der Schriftsteller Humphrey van Weyden, der von einem auslaufenden Robbenfänger an Bord genommen wird. Es ist die "Ghost". Ihr Kapitän Wolf Larsen - wegen seiner Härte "Seewolf" genannt - behält den Geretteten kurzerhand an Bord und teilt ihn zum Kajütendienst ein. Weyden ist einer Kette von Demütigungen ausgesetzt, bei denen sich vor allem der Schiffskoch Mudrige hervortut. Rohheit und Gewalt herrschen überall auf dem gespenstischen Schiff, das zugleich von seinem Kapitän mit Rohheit und Gewalt beherrscht wird. Aber dieser Kapitän hat auch eine andere Seite. Er liest. Unter seinen Büchern findet Weyden ein altes abgegriffenes Lexikon. Und jetzt dämmert es ihm, jetzt begreift er, er kennt diesen Mann. Sie waren damals 16 und Freunde. Aber während er, Humphrey van Weyden, aus einem begüterten Haus stammte, aus einer intakten Welt, war Wolf Larsens Zuhause das Armenviertel von San Francisco, die Slums. Mit beispielloser Zähigkeit paukte sich der Junge, der nie eine Schule besucht hat, aus einem alten Lexikon Wissen ein. Er will hochkommen. Er will das trockene Brot seiner Armut mit Speck belegen. Kein Zweifel, der Kapitän der "Ghost" ist jener Junge aus den Slums von San Francisco. Aber während Weyden sich jetzt genau an ihn erinnert, zeigt sich in den Augen des anderen kein Zeichen des Wiedererkennens. So zögert auch Weyden, an das Vergangene zu rühren. Sie bleiben wie zwei Fremde, die sich hier an Bord zum ersten Mal begegnen. Aber eine Art geistiger Vertrautheit verbindet sie, die Weyden dazu verführt, in der Seele des anderen zu wühlen, bis der ihn niederschlägt. Ein Mann, wie dieser Kapitän, für den das Leben nur ein Gärungsprozess zwischen Geburt und Tod ist, der keinen Glauben besitzt und keine Hoffnung auf die Unsterblichkeit der Seele und dem die Natur zugleich eine fast übermenschliche Kraft verliehen hat, ist, wie ein reißendes Tier, eine ständige Gefahr.

Bild: ZDF

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Bearbeitet am 29. Februar 2004